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Hildegard von Bingen

Ihr Leben

Von Dr. Wolfgang Schuhmacher

Hildegard ist in aller Munde. Kaum ein anderer Mensch, und schon gar keine Frau ist nach fast tausend Jahren so bekannt wie die Heilige vom Rupertsberg. Die Zeitgenossin von Kaiser Friedrich Barbarossa und des Zisterzienserabtes Bernhard von Clairvaux wurde im Jahre 1098 in Bermersheim in der Nähe von Alzey in Rheinhessen geboren. Sie ist das zehnte Kind der Edelfreien Hildebert  von Bermersheim und seiner Frau Mechthild. Die Vita Hildegards hält fest, dass ihre Familie sich sowohl durch hohen Adel wie auch durch erleuchteten Ruf und Namen auszeichnete und mit „äußeren Gütern reich gesegnet“ war.

Der Geburtsort
Neben Bermersheim werden als mögliche Geburtsorte auch Schloss Böckelheim an der Nahe und Niederhosenbach im Kreis Birkenfeld ins Feld geführt. Es ist allerdings  auffällig, dass das Güterverzeichnis des durch Hildegard 1150 gegründeten Klosters Rupertsberg über neun Seiten hinweg zahlreiche Eintragungen über Schenkungen aus dem Bermersheimer Gebiet aufführt. Auch andere Urkunden geben deutliche Hinweise, die auf Bermersheim als Geburtsort Hildegards hinweisen. Daher nennt auch das durch Papst Benedikt XI. am 10. Mai 2012 erlassene Heiligsprechungsdekret Bermersheim als Geburtsort der hl. Hildegard.

Im Kloster auf dem Disibodenberg
Auch die Ruinen des ehemals prachtvollen Klosters auf dem Disibodenberg (bei Odernheim am Glan, Verbandsgemeinde Bad Sobernheim) lassen noch erahnen, an welch spirituell reicher und anregender Stätte Hildegard ihre geistliche Prägung erhielt.  Eingehüllt in eine Kathedrale von Bäumen helfen die Überreste des ehemaligen Klosters auch heute noch Menschen, ihren Blick und ihr Herz Gott zu öffnen. Hierhin wurde Hildegard im Alter von 14 Jahren von ihren Eltern als Zehnt(gabe) gebracht und Gott geweiht.

Der Disibodenberg hatte schon seit dem 7. Jahrhundert für die Missionierung des Naheraumes eine große Bedeutung. Am Ort des heiligen Disibod errichtete Erzbischof Willigis von Mainz um die Jahrtausendwende ein Kanonikerstift. 1108 entsandte der Mainzer Erzbischof Ruthard Benediktiner zum Disibodenberg, die dort mit dem Bau eines neuen Klosters begonnen haben.

Die geistliche Prägung Hildegards durch Jutta von Sponheim und die benediktinische Spiritualität
Dem jungen Kloster war eine Frauenklause angeschlossen, in die Hildegard mit der Klausnerin (das sind Frauen, die ein einem von der Außenwelt abgeschlossenen Bereich z.B. in einem Kloster oder einer Klause leben) Jutta von Sponheim und zwei weiteren jungen Mädchen – vermutlich im Jahre 1112 am Allerheiligentag  – einzog. Hildegard und die beiden anderen Mädchen wurden Jutta zur Erziehung anvertraut. Durch Jutta hat Hildegard neben der für sie zentralen Erfahrung benediktinischer Spiritualität eine umfassende Bildung und geistige Prägung erhalten. Auch wenn Hildegard sich später selbst immer wieder als eine ungebildete Frau bezeichnet hat, lässt doch ihr Lebenswerk erkennen, wie vielschichtig sie hier im benediktinischen Umfeld der Mönche gefördert wurde. Ihre Kenntnisse in Theologie, Natur- und Heilkunde, Ihr Blick auf den Kosmos, auf Welt und Mensch, Ihre Lieder, aber auch ihre zahlreichen Briefe lassen erahnen, welch reichen Schatz sie hier für ihr späteres Wirken erhielt.

Im Jahr 1115 entschied sich Hildegard endgültig für das benediktinische Leben und legte – vermutlich vor Bischof Otto von Bamberg – ihre Ordensgelübde ab.

Nach dem Tod von Jutta von Sponheim 1136  wurde Hildegard einmütig zur Nachfolgerin Juttas als Meisterin der Frauenklause gewählt. Dort waren warenmittlerweile zehn Frauen versammelt.

Hildegards Berufung zum Schreiben und zur Prophetin
Eine tiefgreifende Veränderung brachte im Jahr 1141 ein visionäres Offenbarungserlebnis. Hildegard selbst beschreibt in ihrem Erstlingswerk „Scivias“ diese Erfahrung:

„Es geschah im Jahre 1141 der Menschwerdung des Sohnes Gottes Jesus Christus, als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war; ein feuriges Licht mit stärkstem Leuchten, das aus dem offenen Himmel kam durchströmte mein ganzes Gehirn und meine Brust und entflammte sie, ohne jedoch zu verbrennen, doch war es heiß, wie die Sonne das erwärmt, worauf sie ihre Strahlen wirft. Und plötzlich verstand ich die Bedeutung der Schriftauslegung, nämlich des Psalters, des Evangeliums und der anderen katholischen Bände sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments.“

Zunächst behielt sie diese Erfahrungen für sich und sprach mit niemandem darüber und versenkte sie in tiefem Schweigen. Später schreibt sie, sie habe diese Vision erhalten  „wachend und umsichtig bei klarem Verstand mit den Augen und Ohren des inneren Menschen an zugänglichen Orten nach dem Willen Gottes.“ Schon vorher hatte Hildegard bereits als Kind Visionen. Wenn andere Menschen sich über sie wunderten, schämte sie sich allerdings nach einer solchen Schau. Das wollte sie in späteren Jahren vermeiden und hüllte sich daher oft in eine Mauer des Schweigens. Jetzt aber in ihrem 43. Lebensjahr erhielt Hildegard von Gott selbst in einer Stimme aus dem Himmel den Auftrag: „Schreibe nieder, was du siehst und hörst.“   Aus den privaten und sie oft quälenden Visionen wird nun ihre Berufung, das was sie sieht und hört aufzuschreiben. Durch diese Art der Schau wird Hildegard in die Reihe der alttestamentlichen Propheten gestellt, die immer von Gott selbst ihren Auftrag erhalten haben.

 

Antiphon „O quam mirabilis“ 

Wie wunderbar ist doch das Wissen im Herzen der Gottheit,

das urewig jedes Geschöpf hat erschaut!

Denn Gott, da er blickte ins Antlitz des Menschen,

den er gebildet,

er sah all sein Werk insgesamt

in dieser Menschengestalt.

Wie wunderbar ist dieser Hauch,

der also den Menschen erweckte! (Hildegard von Bingen)

 

Hildegard weigerte sich zunächst, der Aufforderung zum Schreiben nachzukommen – aus Selbstzweifel und aus Argwohn gegenüber der Möglichkeit von Missverständnissen. Sie wurde krank, war wie gelähmt und begainn dann schließlich doch  zu schreiben. Ihr erstes theologisch-visionäres Werk „Scivias“ beendete sie schließlich nach mühevoller Arbeit in zehn Jahren im Jahre 1151.

Allmählich wurde Hildegard bekannter. Auf der Synode in Trier 1147/48 setzte sich Bernhard von Clairvaux für sie ein. Papst Eugen III. entsandte eine Delegation zum Disibodenberg, um Hildegards Sehergabe zu überprüfen. Schließlich bestätigte Papst Eugen III. Hildegards Sehergabe und ermutigte sie, die später „Prophetissa Teutonica“ – Prophetin der Deutschen – genannt werden sollte,  zu weiteren Schriften.  Diese päpstliche  Ermutigung Hildegards war ein außerordentlich ungewöhnlicher Akt.

Das eigene Kloster Rupertsberg – Ort ihres prophetischen Wirkens
Die Klause auf dem Disibodenberg wurde mit der Zeit zu klein. So fasste Hildegard 1147, nachdem sie in einer Vision dazu den Auftrag erhalten hatte,  den Entschluss, den Disibodenberg zu verlassen. Der neue Ort wurde ihr in einer geistigen Schau gezeigt. So zog sie– trotz des anfänglichen Widerstandes des Abtes vom Disibodenberg – zwischen 1147 und 1151 mit ihren Nonnen zum Rupertsberg an den Zusammenfluss von Rhein und Nahe. Hier hatte einst der hl. Rupertus als Einsiedler gelebt. Die Weihe der Klosterkirche des Klosters Rupertsberg im Jahre 1152 ist urkundlich bezeugt. Obwohl es in der Klosteranlage bereits fließendes Wasser gegeben habe soll, beschreibt Wibert von Gembloux die Klosteranlage als eher bescheiden.

Seine geistige Strahlkraft erhielt das Kloster Rupertsberg durch seine Äbtissin Hildegard. Sie sorgte sich um das geistliche und leibliche Wohlergehen der Schwestern. „Außerhalb des Klosters setzte sie sich eifrig für die Stärkung des christlichen Glauben und der Werke ein, indem sie die Irrlehre der Katharer abwehrte, die Erneuerung der Kirche mit Schriften und Predigten unterstützte und die Verbesserung der Disziplin und Lebensweise des Klerus förderte.“ Diese Worte aus dem Heiligsprechungsdekret vom 10. Mai 2012 umschreiben, das vielfältige Tun Hildegards als Äbtissin auf dem Rupertsberg.  Sicherheit verliehen dem Kloster die Besitz- und Schutzurkunde des Mainzer Erzbischofs Arnold vom 22. Mai 1158 und die Schutzurkunde von Kaiser Friedrich I. Barbaraossa am 1. April 1163, der das Kloster unter seinen persönlichen Schutz stelle.

1165 gründete Hildegard ein zweites Kloster in Eibingen in der Nähe von Rüdesheim, indem sie ein verwaistes Augustinerkloster erwarb und es für 30 Benediktinerinnen herrichten ließ. Sie selbst fuhr regelmäßig über den Rhein vom Rupertsberg aus zu ihrer neuen Klostergemeinschaft.

Das Kloster Rupertsberg jedoch blieb ihr Hauptwirkungsort. Hier schrieb sie nach ihrem Erstlingswerk Scivias ihre weiteren Werke. Auf dem Rupertsberg komponierte sie auch ihre77 Lieder und Hymnen und verfasste ihr Singspiel Ordo Virtutum. Von hier aus schrieb sie ihre 428 Briefe an Arme und Reiche, Päpste, Äbte und Kaiser und einfache Mönche und Nonnen, in denen sie als Posaune Gottes, immer ganz die Prophetin, als Mahnerin und Seelsorgerin oder auch als Politikerin erscheint.

 

Antiphon „Caritas abundat“ 

Von der Tiefe bis hoch zu den Sternen

überflutet die Liebe das All,

sie ist liebend zugetan allem,

da dem König, dem höchsten,

sie den Friedenskuß gab. (Hildegard von Bingen)

 

Auf die Bitte der Päpste Hadrian IV. und später Alexander III., unternahm sie – zu damaliger Zeit ungewöhnlich – ab dem Jahr 1159 einige Predigtreisen, um an öffentlichen Orten und in etlichen Kathedralen die Menschen aufzurütteln, u.a. in Köln, Trier, Lüttich, Mainz, Metz, Bamberg und Würzburg. Sie warnte vor der Gefahr der Katharer, die damals mit ihrer Kirche und Staat gefährdenden Lehre ganz Westeuropa überzogen. Aber vor allem legte sie die Wunden der Kirche offen und ermahnte Klerus, Herrscher, Bischöfe und einfache Menschen zu einem Leben nach dem Willen des lebendigen Lichtes – also nach Gottes Willen.

Nachdem Hildegard im Sommer 1179 durch schwere Krankheit heimgesucht wurde, starb sie am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg bei Bingen, umgeben von ihren Schwestern.